Wissen


Die Geschichte des Jonglierens

2000 v. Chr. Abbildung von jonglierenden Frauen in den Beni-Hassan Höhlen im Ägypten.

1766 - 1112 v. Chr. Shang Dynasty: Diabolo und Devil Stick

ca 770 v. Chr. Lan Zi ist der Name eines chinesischen Meister-Jongleurs. Er zeigte seine Kunst lange vor Christi Geburt (770-476 v.Chr.Geb) und die Chinesen sprechen noch heute davon. Ein philosofischer Text aus der Ming-Dynastie machte sein Bild mit diesem Holzschnitt unsterblich. Es wurde berichtet, dass er mit sehr hohen Stelzen hin- und herlaufen konnte und dass er 7 Schwerter jonglieren konnte.

500-400 v. Chr. Viele Tonkrugbemalungen in Griechenland: Meist sind es Frauen, die sich im Jonglieren üben. Es ist eine Art Erhohlung/Entspannung.

16 Gedichte von Martial beinhalten Jonglierreferenzen
Mädchen aus Syrakus soll mit 12 Ringen jongliert haben

53-117 n. Chr. Tagatus Ursus: Grabinschrift erster Jongleur mit 'Glass Balls'

400 - 1000 Nach dem Verfall des Römischen Reiches verfiel die Jonglierkunst in Ungnade. Sie wurde mit magischen Tricks, Hexerei verbunden.

Im Mittelalter wurden Lanzen und Schwerter beliebte Jonglierobjekte.

 

15. Jhdt Am Ende des Mittelalters wurde das Jonglieren wieder salonfähig

1475-1583 Pierre Gringoire: König der Jongleure

1528 Hindustan: Eine Jongliergruppe ist beschrieben, die mit Holzringen jongliert.

ca. 1530 Jongleure bei den Eingeborenen von Mexiko (Antipodist): Im germanischen Nationalmuseum in Nürnberg befinden sich Zeichnungen, die einen Antipodisten aus dem prähispanischen Mexiko zeigen. (Antipodistische Spiele mit großen Holzbalken waren im alten Mexiko beliebt, Cortez hatte einige dieser Artisten nach Europa gebracht, deren Kunst dann Christoph Weidlitz graphisch festgehalten hatte.)

Jonglieren als Bestandteil religiöser Zeremonien (Schamanen)

1650 L'incomparable Dupuis: Seiltanz mit 3 Äpfel-Jonglage

1680 "In Deutschland, beim 'Nürnberger Rath', war gegen Ende des 17. Jahrhunderts ein 'Ballenmeister' angestellt, der als Artist und Lehrer zugleich fungierte und 1680 sogar eine Schrift über den 'Unterricht im Ballenspiel' verfaßte

1700 Man kann davon ausgehen, dass das Diabolo um 1700 nach Europa kam, weil zu dieser Zeit der Handel mit Asien "boomte" und es schon vorher von Missionaren erwähnt wurde (Dirk Schmeding).

1774 Auf der Südsee-Insel Tonga hat das Jonglieren eine sehr lange Tradition, auch sagenhafte Götter haben dort jongliert.
Georg Forster (1774), ein Wissenschaftler auf Captain Cooks 2. Pazifik-Reise schrieb von einem Mädchen, das mit 5 Keulenförmigen Früchten mindestens 15 Minuten einen Schauer jonglierte ohne einen Drop. Die Jongliertradition der jungen Mädchen hat sich dort bis heute erhalten.

1800 Zirkus und Variete

1820 Inder wurden führend in der Jonglierkunst (Mooty und Medua Samme mit den chinesischen Devil-Sticks).
Der Deutsche Carl Rappo gab sich als Inder aus und jonglierte den orientalischen Stil sowie mit Eisenkugeln.

1850 Der Schutzpatron der Jongleure ist Don Bosco. Don Bosco half den Straßenkindern. Er zog die Aufmerksamkeit der Straßenkinder auf sich, indem er Bälle und Teller jonglierte. Er soll auch Akrobatik und Seilaufen gemacht haben.

1885 Paul Cinquevalli beginnt die Epoche der Salon- (Salon-Juggling) und Kraftjongleure (Strong-Mans-Juggling)

1896 Strong-Mans-Juggling wird langsam durch Gentleman-Juggling abgelöst. Vorreiter ist Kara.

1900 Zu Beginn des 20. Jahrhunderts arbeiteten die meisten Jongleure in Varietes oder im Zirkus. Sie konnten sich nun spezialisieren und mussten keine Ein-Mann-Shows mehr aufführen.

1900 Erste bewegte Bilder
Die Einführung des Kinos und des Fernsehens ließ das Variete und den Zirkus weniger werden. Jongleure fanden aber immer wieder Plätze zum Jonglieren (Straßenecken).
Anfang des 20. Jhdt. wurden die teilweise sehr aufwendigen Requisiten der Jongleure (Salonj.) durch besser geeignete ersetzt: Bälle, Teller, Stäbe (Rastelli)

1936 Paula Deluca verunglückt, als sie eine Stahlkugel abgeschossen aus einer Kanone im Nacken fangen will.

Juni 1947 IJA wird gegründet (International Juggling Association)

1950 Jonglieren wird eine populäre Form der Entspannung und Erhohlung.

September 1992 Der ganz kleine Zirkus wird gegründet

Vielen Dank an Ingbert Bitelli

Die Geschichte des Zirkus

Arena und Manege

Sie ist wie eine Reise zu den Wurzeln der modernen Unterhaltungsindustrie: die Geschichte des Zirkus. Denn - auch im Zirkuszelt soll mit Unterhaltung Geld verdient werden.
Die Vorgeschichte spielt aber keineswegs im Zelt, sondern in den Arenen der großen Städte des römischen Imperiums. Hier liegt der Ursprung des Zirkus. Im Lateinischen bedeutet circus soviel wie Kreis und das beschreibt auch die Form der Arenen.
Brot und Spiele
Allerdings sah das Programm damals anders aus als heute. Das antike panem et circensis - "Brot und Spiele" - steht nämlich für Darbietungen der blutrünstigen Art. Das Volk konnte Tier- und Gladiatorenkämpfe, Pferde- und Wagenrennen verfolgen, sogar ganze Schlachten wurden zur Erbauung der Massen inszeniert. Vergnügungstempel, wie der römische Circus Maximus, fassten Hunderttausende Menschen und waren Meilensteine der antiken Architektur.

Fahrendes Volk

Mit dem Ende des Imperiums ging auch die römische Vergnügungskultur im abendländischen Europa unter. Nur im oströmischen Konstantinopel begeisterte sich das Publikum noch an den großen Pferderennen im berühmten Hippodrom.
Erzählungen und Gaukeleien der durch die Lande ziehenden Bänkelsänger, Narren und Schausteller waren die Volksbelustigungen des Mittelalters - neben den häufig statt- findenden öffentlichen Hinrichtungen.
Die als "fahrendes Volk" bezeichneten Menschen standen am Rand der Gesellschaft und waren angewiesen auf Wohlwollen und Großzügigkeit des Publikums. Ihre Zuschauer fanden sie auf den Jahrmärkten und bei großen Festen. Der Rückgang der Jahrmärkte schränkte ihre Existenzmöglichkeiten dann im 17. und 18. Jahrhundert erheblich ein.

Reitschule mit Dach

Die Geburtsstunde des modernen Zirkus schlägt 1772, als der britische Ex-Soldat Philipp Astley in London eine Reitschule eröffnet, die später ein Dach erhält. Das so entstandene amphitheatre, das erste Zirkusgebäude der Neuzeit, beherbergt ein Vergnügungsunternehmen, in dem noch die Pferdedarbietungen dominieren.

Zwingend ist daher auch die runde Form der Manege, denn nur sie erlaubt die damals sehr beliebten Kunststücke der Pferdeakrobaten. Nach der Französischen Revolution von 1789 verlagert sich die Entwicklung nach Frankreich und Kontinentaleuropa. Die hier neu hinzu gewonnene Kundschaft aus Mittel- und Unterschicht möchte vielfältigere Unterhaltung geboten bekommen - der Charakter der angebotenen Vergnügungen ändert sich: weniger Pferdenummern, statt dessen exotische Tiere, gefährlichere Dressuren und extravagantere Kunststücke.

Pausenclown und Völkerschau

Neue Genres, wie Raubtierdressuren und Clownerie, gelangen ins Programm, letztere zunächst noch als Pausenfüller - daher der berühmte "Pausenclown" - später als eigenständige Nummer. Und nebenbei finden heute seltsam anmutende Attraktionen ihre Anhänger: "Völkerschauen" und ein Besuch im "Panoptikum" waren um die Mitte des 19. Jahrhunderts Publikumsmagneten.

Einst nur Pausenfüller - die Zirkusclowns.

Wir alle wissen: Zirkusunternehmen haben es schwer. Dennoch gab der Wiener Grafiker Bernhard Paul seinen Beruf auf und gründete einen Zirkus. So geschehen 1975 und - man sollte es kaum glauben - es gibt ihn immer noch. Der Anfang war erwartungsgemäß schwer, aber seine Schöpfung, der berühmte Circus Roncalli, machte sich einen Namen. Er gastiert mitten in den Städten und bietet eine mit großem Aufwand präsentierte Mischung aus Zirkus, Jahrmarkt und Theater.
Nostalgie als Patentrezept: Ein Zelt wie aus der Kaiser- zeit und prächtig ausstaffierte Mitarbeiter locken die Massen in die Manege. Der Erfolg gibt dem Gründer recht - und jedermann denkt, Roncalli ist so alt wie Barum, Krone oder Probst.

Nach und nach kristallisiert sich nun auch das fundamental Neue heraus, das den Zirkus der Neuzeit kennzeichnet: In der Manege gibt es jetzt keine Wettkämpfe mehr und die simple Abfolge einzelner Kunststücke gehört der Vergangenheit an. Das großes Ziel aller renommierten Zirkusunternehmen ist die Komposition der Darbietungen.

Haltet Eure Töchter fest!

Anders als das fahrende Volk im Mittelalter bringt es der Zirkus sogar zu gewisser sozialer Anerkennung. Dennoch haftet an der kleinen Zelt- und Wagenstadt nach wie vor der Geruch von Abenteuer, Nonkonformismus und großer weiter Welt. Der damals übliche Spruch "Haltet Eure Töchter und Handtaschen fest, der Zirkus ist in der Stadt" beschreibt das Misstrauen, das diesen wandernden Künstlergruppen auch am Ende des 19. Jahrhunderts noch entgegengebracht wird.
Aber die Zeit ist trotzdem eine gute für die Zirkusunternehmen, sie mausern sich zu lukrativen Geschäften. Klassisches Beispiel ist der berühmte Circus Barum, der im Jahr 2003 sein 125-jähriges Bestehen feiert und damit zu den Ältesten in Europa zählt. Seine lange Geschichte beginnt 1878, als der Tierhändler Carl Froese eine Wandermenagerie mit aus Afrika stammenden Raubkatzen eröffnet.

Karawanen-Menagerie

1899 gründet er in Königsberg einen Tierpark, zieht aber auch weiterhin mit "Barum´s amerikanischer Karawanen-Menagerie" durch die Lande. Nach Froeses Tod 1907 übernimmt seine Tochter den Betrieb, der auch heute noch zu den erfolgreichsten europäischen Zirkusunternehmen zählt.
Die Anziehungskraft des Zirkus aufs Publikum ist inzwischen so groß, dass sogar stationäre Zirkusbauten errichtet werden können. So baut der Zirkus Sarrasani 1912 in Dresden ein festes Manegengebäude, das erst der Bombennacht des 13. Februar 1945 zum Opfer fällt.

Wechselvolles Geschick

Die goldenen Jahre des Zirkus enden mit dem Ersten Weltkrieg. Die nun folgende Zeit ist vom Niedergang gekennzeichnet; Inflation und Wirtschaftskrisen machen den übers Land ziehenden Unternehmen zu schaffen und nach 1933 verwehren ihnen die Nationalsozialisten aus ideologischen Gründen die Anerkennung. Dem kurzen Aufschwung nach 1945 folgen dann neue Probleme: Der rasch wachsende Wohlstand bringt eine zunehmende Zahl von Fernsehgeräten und eine enorme Reiselust. Es stellt sich die Frage: Kann Zirkus noch Attraktives bieten, wenn die Menschen die große weite Welt entweder täglich auf der Mattscheibe sehen oder sogar schon selbst bereist haben?

Geheimnisvolle Zirkusluft

Die Antwort der Zirkusleute ist schlicht - und überzeugend: Schnuppert die Zirkusluft! Zirkus ist heute Familienerlebnis, bietet Artistik vom Feinsten, Tiere zum Anfassen, Clowns, die einen zum Lachen bringen. Und - natürlich - den unvermeidlichen Geruch von Sägespänen. Den kann die sterile abendliche Hochglanz-Fernsehunterhaltung nicht bieten. Hoffentlich haben die Leute vom Zirkus recht und viele Menschen erkennen das - bevor das letzte Zirkuszelt von den Festplätzen und aus unserem Leben verschwunden ist.

 

Die Geschichte der Clownerie

Der Clown, so wie wir ihn heute kennen, ist eine relativ junge Figur. Die Suche
nach den Ursprüngen, den Vorläufern des Clowns reichen jedoch weit zurück.

Die Antike

In der Antike hatten die komischen Figuren im Theater eine sehr deutliche
Doppelnatur. Zum einen waren sie Spötter, die sich mit ihrem Schabernack und
beißendem Spott gegen Obrigkeiten auflehnten, zum anderen waren sie die
Verspotteten, die wegen ihres entstellten und verkrüppelten Äußeren verlacht
wurden und oft nicht bei Sinnen waren. Klassischer Repräsentant ist Hephaistos,
der hinkende Gott, der sich wild und ungehörig gebärdet, im Grunde jedoch nach
Liebe sucht.

486 v. Chr. wurde die Komödie offiziell anerkannt, mit all ihrer Respektlosigkeit
gegen Götter und Menschen, deren Schwächen durch Spott bloßgestellt wurden.
Doch wurde mit der Anerkennung durch die öffentlichen Personen und
Institutionen der antiken Spötterfigur viel Wind aus den Segeln genommen.
Die Mimen der Antike bedienten sich vieler Formen und Stilmittel, die auch bis
heute ihre Gültigkeit haben. Sie gelten als die Vorläufer der Commedia dell´ Arte,
die in pantomimischen Stegreifspielen alltägliche Themen durch den Kakao
zogen, gewürzt wurde das ganze dann noch mit Akrobatik und Artistik.

Die Renaissance und Sebastian Brant

Die Renaissance brachte dann weltverändernde Erkenntnisse auf allen Gebieten,
religiöse Umwälzungen und die Suche nach einem neuen Weltbild.
Der "Narr" galt als Bote des Übergangs zum neuen Menschenbild. Sebastian
Brant (1457 - 1521) gilt als Schöpfer der Narrenidee. Brant war sehr besorgt
über den sündigen Verfall der Welt, obwohl doch "das Land voll der heiligen
Schrift war".
1494 wurde sein "Narrenschiff" veröffentlicht, eine lose Folge von Kapiteln mit
Holzschnitten, die sich bald zu einem "Bestseller" entwickelte. Es ging ihm um
die Anprangerung aller menschlicher Schwächen, Laster und Verfehlungen. Er
schrieb als eine Art Morallehre, mit der Absicht die Menschen "zu Nutz und
heilsamer Lehr, Ermahnung und Erfolgung der Weisheit, Vernunft und guter
Sitten" zu erziehen.
Seine Narren, das waren die Spieler, Studenten, Gecken, Seiltänzer,
Kirchenschänder, Wucherer und derlei mehr, die sich mit dem Narrenschiff auf´s
offene Meer der Unvollkommenheit und der Zügellosigkeit wagten, und damit
ihrer Vernichtung entgegen gingen.
Typische "närrische" Charakteristika waren für Brant Sorglosigkeit und
Unbekümmertheit, Zwietrachtstiften, Habsucht, schlechte Sitten, Borgen,
unnützes Wünschen, Eigensinn, unfolgsame Kranke. Wolllust, Neid, Hass,
Undankbarkeit, törichtes Tauschen und noch viel mehr.

Brant griff auf das überlieferte Wissen vergangener Jahrhunderte zurück, das
besagt, daß die Weisheit ein Geschenk Gottes ist und "Tumbheit und
Töperhaftigkeit" durch die fehlende Erleuchtung des heiligen Geistes entstehen.
Der Narr im mittelalterlichen Verständnis war als eine geistesblind
dahindämmernde, gottesverachtende Figur dargestellt. Sehr deutlich wird dieses
Bild auch in den Gemälden von Hieronymus Bosch.
Ein ähnlich gottloses Bild meiner frühen Kollegen zeichnete auch Thomas
Murner in seiner "Narrenbeschwörung" (1512), für den die Narren die Zerstörer
der Weltordnung waren.

Erasmus von Rotterdam

Erst bei dem Humanisten und Augustinermönch Erasmus von Rotterdamm
(1466 - 1536) wurden meine beruflichen Vorgänger in ein besseres Licht gerückt.
Er drängte auf Ausgleich und Harmonie und suchte den Zusammenhang von
Antike und Christentum, von Sokrates und Christus, von Vernunft und
Menschlichkeit.
Sein "Lob der Torheit" (1511) zeigte eine positive Sicht der Narrengestalt. Der
Narr verfügte nun über schöpferische Kräfte und ist Beweger der Phantasie.
Erasmus von Rotterdamm will nicht belehren oder erziehen, er sieht in der
heilsamen Torheit die wahre Weisheit und in der eingebildeten Weisheit die wahre
Torheit.
Seine Auffassung war auch kirchenkritisch, denn für ihn stand der Narr, der Tor
in der Nachfolge Christi. Er war der Träger einer höheren Weisheit, der
anerkennt, daß die wahre Weisheit allein bei Gott liegt.
Und damit hat er eigentlich gar nichts Neues erfunden, sondern nur gründlich in
der Bibel gelesen. Denn Paulus sprach schon: "Wie einem Toren hört mir zu,
denn ich spreche nicht im Herrn, sondern wie in der Torheit" (2. Kor. 11, 16 -
17) und "Wir sind Toren um Christi Willen" (1. Kor. 4,10).

Till Eulenspiegel

Und mit der Figur des Till Eulenspiegel bekam der Narr eine ganz neue
Facette: er war fortan nicht mehr das personifiziert Laster, sondern eine
Persönlichkeit, deren Streiche man genußvoll liest. Till Eulenspiegel bezeichnete
sich selbst als Narren, als Toren und das war auch die Rolle, die er spielte. Er
sagte unter dem Mantel der Narrheit die Wahrheit.

Von Till Eulenspiegel starkt beeinflußt sind die weisen Narren bei William
Shakespeare, denn auch dort sind es äußerst vielschichtige Charaktere, wie zum
Beispiel der Narr in König Lear, der närrische Spaße macht, während er
bitterlich um seinen König leidet.
Hier kommt auch der Begriff "Clown" ins Spiel, abgeleitet vom lateinischen
colonus, was soviel wie Bauer oder Landmann bedeutet. Clown steht dann im
Englischen ursprünglich für Bauer, im umgangssprachlichen auch für den
ungewollten Tölpel und im übertragenen Sinne für einen Spaßmacher. Konkret
belegbar mit dem ungewollten Tölpel Malvolio in "Was ihr wollt" und dem
Spaßmacher Lancelott Gobbo im "Kaumann von Venedig".
Und wenn wir gerade dabei sind: der englische "fool" (altfranzösisch fol) stammt
aus dem Lateinischen und bedeutet Blasebalg, umgangssprachlich aber auch
"Windbeutel". Und auch "fool" hat drei Bedeutungsebenen, im eigentlichen
Wortsinn ist es ein Wahnsinniger, ein Geistesgestörter. Der "natural fool" wird
aber auch als Idiot und Tölpel gedeutet und der "artificial/domestic fool"
schließlich ist der berufsmäßige Spaßmacher.

Hofnarren

Doch kommen wir nun zu den Hofnarren. Anfangs - im 12. Jhd - waren das
nur Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen, ohne
Bürgerrechte. So schlimm das nun klingen mag, für die damalige Zeit bedeutete
das ein gesichtertes Einkommen, allerdings war man der Willkür ausgesetzt.

Bei Shakespeare beginnend entwickelt sich durch die Figur des Honarren der
Narr als Künstler. Immer öfter fand man Schauspieler als Hofnarren, die oft vom
Herrscher auch als Ratgeber geschätzt waren. Der Begriff der Narrenfreiheit
findet hier seinen Ursprung, es war die Freiheit alle zu duzen, die Wahrheit zu
sagen und vieles mehr. Gleichzeitig war der Narr auch in einer Opferrolle, denn
er fing die Launen des Königs au, suchte ihn zu erheitern und war ihm stets zu
Diensten.
Es entwickelte sich eine richtige Zunft der Narren mit entsprechenden
Zunftzeichen. Die Narrenkappe war ursprünglich eine Eselsohrenkappe mit
Hahnenkamm (der Esel als der Dumme, der Hahn als der Eitle), dazu kam das
Narrenzepter, auch Marotte genannt. Diese Marotte trug oft das Ebenbild des
Narren als Warnung vor Selbstgefälligkeit.
Die Rollen von König und Hofnarr findet man übrigens heute wieder beim
Weißen Clown und dem Dummen August. Aber dazu später mehr.
Im Absolutismus unter Ludwig dem XIV. (1643 - 1715) waren galante höfische
Vergnügungen wie Bälle, Hoftheater und Ballett mehr gefragt, die Zeit des
Hofnarren war vorbei.

Comedia dell´arte

Gegen Ende des 16. Jhds entstand in Italien die Comedia dell´ arte.
Berufskomödianten spielten Stegreifkomödien mit festgelegten Rollen, mit
typischen Figuren, in denen die Zuschauer sich selbst entdecken konnten. Da war
der eifrige Diener, der lächerliche Alte, der Aufschneider und das junge
Liebespaar und jeder Figur trat mit einem spezifischen Dialekt auf.
Arlecchino mit seinem Witz, darf hier als der erste direkte Vorläufer des Clowns
gelten, birgt doch jeder Arlecchino alle vorhergehenden Arlecchinos in sich, mit
alle ihren Sprüchen, ihrer Erfahrung und ihrer Weisheit.
Das Spiel folgte immer bestimmten, sich wiederholenden Mustern, die den
Rahmen für Improvisationen gaben. Kurze Pauseneinlagen - "Lazzi" genannt,
gaben die Möglichkeit, den weiteren Handlungsverlauf spontan neu zu
bestimmen. Typische Lazzi waren z.B. der Kampf mit einer (unsichtbaren) Fliege,
Tortenschlachten, Einseifen und Rasieren und wurden später zu
Clownsnummern.

Übrigens nahmen die Schauspieler in ihren Lazzi gerne auch lokale Obrigkeiten
aufs Korn, und könnten somit als die ersten Kabarettisten gelten.
Molière und Goldoni gelten als schriftstellerische Erben der Comedia dell´ arte,
durch die literarische Festlegung entfielen jedoch alle Improvisationen.

Harlekin, Pulcinella und Pierrot

Im Laufe der Zeit entwickelten sich zwei Figuren, Harlekin und Pulcinella.
Pulcinella war eine Dienerfigur, faul, in weiße Gewänder gekleidet, daraus
entstand später der Pierrot. Harlekin war der Einfache, der Dumme, wurde mit
der Entwicklung der Figuren zum Hanswurst. Beide boten genügend
Identifikationsmöglichkeiten für Jedermann in Szenen die direkt aus dem Alltag
der Zuschauer gegriffen waren.
Der Hanswurst wurde zur Theaterfigur, von Schauspielern aufgegriffen, von
Schriftstellern verarbeitet (Stranitzky, Lessing, ...).
Die reinen Toren, die Dummen im Märchen könne auch als Vorläufer des
Clowns betrachtet werden. Verachtet, ausgelacht, verprügelt und beschimpft,
waren sie von kindlichem Gemüte, treuherzig und wahrhaftig frei von Egoismus
und Hochmut - dabei immer offen für höhere Weisheit. So hieß es im
Simplizissimus " .... hat nichts als edle Unschuld und Einfalt." Literarisch
verarbeitet in vielen berühmten Werken: Dostojewskis "Idiot", "der kleine Prinz"
oder Kaspar Hauser um nur einige zu nennen.

Der Zirkus

Der Zirkus in seiner heutigen Form existierte zur Zeit Kaspar Hausers (1812 -
1833) noch nicht, jedoch entsanden die ersten fahrenden Menagerien, die seltene
Tiere und menschliche Abnormitäten ausstellen. Die dort präsentierten "natural
fools" und "freaks" sind später dann vor allem in den Sideshows der
amerikanischen Zirkusse traditionsreich geworden.

Diese Zuschaustellung sollte aus heutiger Sicht aber nicht nur negativ gewertet
werden, denn für viele "freaks" bedeutete das ein Auskommen.
Viele mittlerweile arbeitslos gewordene Narren, Gaukler, Schelme, Harlekine und
Hanswurste fanden bei diesen fahrenden Gruppen eine neue Heimat.
Schon seit ca. 1750 führten Kunstreiter akrobatische Kunststücke vor. Sie gaben
Gastspiele und bauten Manegen und Amphitheater. Philip Astley in London ließ
sogar ein Theater mit Bühne und Manege bauen, in dem sich vor allem die
gehobene Bürgerschaft unterhalten ließ. Astleys Richtung mündete mehr in
Militaryreiterei, während der spätere Zirkus mehr aus den spanischen
Hofreitschulen und italienischen Rferdeballetten hervorging.

Cirque Olympique

Doch zurück zum Clown. Die Nationalversammlung in Paris erließ 1791 ein
Dekret, das jedem Bürger erlaubte ein Theater zu gründen. So entsstanden viele
Theater, auch Astley ließ in Paris "Astleys Amphitheater" bauen. In der Wirren
der frz. Revolution mußte er aber Paris verlassen und mit dem Bürger Antoine
Franconi übernahm der Gründer einer der berühmtesten Zirkusdynastien das
Amphitheater.
Napleon - selbst Theaterliebhaber - erließ 1806 ein Dekret, das die Anzahl der
Theater limitierte und jedem Theater ein ganz bestimmtes Genre zuwies.
Franconis Cirque Olympique durfte Mimodramen zeigen, Reiterdressuren und
Dressurakte sowie Geschicklichkeits- und Kraftakte.
Die Spectcles de la Curiosité durften in nichts an die dramatischen Theater
erinnern, sie zeigten Marionetten, Automaten, Panoramen und Schattenspiele
ebenso wie Akrobatik und Seiltanz.
Im Théatre de la Gaieté spielte man Farcen und Harlekinaden während im
1813 eröffneten Spectacle des Funambules ausschließlich
Geschicklichkeitsspiele (Jonglieren), Springernummern und Seiltanz gezeigt
werden durften. 1815 erhielt das Funambules jedoch die Erlaubnis für
Harlekinpantomimen ohne jedes gesprochene Wort.

Jean Babtiste Debureau

Im Funambules debütierte 1816 der erste große Vorläufer des Clowns - Jean
Babtiste Debureau - mit seiner Pantomime "Der Arzt".
Mit seinem losen weißen Kittel mit langen weißen Armeln, den weiten weißen
Hosen, der schwarzen Kappe und dem schneeweisen Gesicht erschuf er den
unvergessenen französischen Pierrot, ganz ohne die Dummheit und die
Plumbheit der italienischen und englischen Vorgänger.
Debureau wurde berühmt, faszinierte auch Literaten und Künstler und der
faszinierende Film "Die Kinder des Olymp" setzte ihm ein würdiges Denkmal.
Die Zirkusse des 19. Jhds. zeigten immer gigantischere Inszenierungen und der
"Clown" fand jetzt überall zutritt.
Joe Grimaldi (1799 bis 1837) erreichte seine Wirkung vor allem durch
schauspielerische Techniken, war also noch kein "richtiger Clown" trotzdem wird
ihm zum Gedenken in London jedes Jahr zu Ostern ein Clowngottesdienst
abgehalten.
1835 erstrahlte im Olympique ein neuer Stern: Auriol (1806 - 1881). Er trat in
einem modernisierten Narrengewand auf, mit Schellenkappe und ungeschminkt.
Er war Springer, Jongleur, Äqulibrist, Seiltänzer, Reiter und Komiker zugleich.
Er trat später auch im deutschen Zirkus Renz auf, berühmt ist heute noch sein
Flaschenkunststück:
Auf einem Tablett mit Flaschen tanzte er Polka, warf eine Flasche nach der
anderen um und stand schließlich auf Zehenspitzen auf der letzten Flasche.

August und Weißclown

Von nun an ging es schnell mit der Entwicklung des Clowns. Im Zirkus Renz
berühmt geworden ist Tom Belling (1843 - 1900).
Im väterliche Zirkus arbeitete er als Voltigeur, Parterrespringer, Drahtseilkünstler,
Jongleur, Taschenspieler, Schulreiter, Violinvirtuose und Glasharmonikaspieler,
kam dann durch einen Zufall zum Zirkus Renz und fiel dort grandios durch und
entwickelte damit die Figur des Dummen August. In der Folgezeit trat der
dumme August immer mit einer anderen Figur zusammen auf: mit dem
Weißclown.

Zuerst spielten sie nur Reprisen der Nummern, karikierten das Gesehene und
durften andere bis hinauf zum Direktor parodieren.
(Wer diesem Artikel bisher aufmerksam gelesen hat, der wird jetzt ausrufen: Wie
in der Commedia dell arte ! ... ;o) ... ).
Dann entstand aber immer deutlicher das Entrée als eigenständige Nummer.
Auch die Kostüme wurden klarer:
DerWeißclown elegant in einem Kostüm aus Samt und Seide, Pumphose bis zu
den Knien, Seidenstrümpfe, elegante Schuhe, Gesicht und Hals weiß, Mund und
Ohren rot mit schwarzen Strichen als Augenbrauen.
Der August hatte zu große Kittel, die entweder schlecht geschnitten waren, zu
groß oder zu weit, unförmige Hosen (geflickt) und viel zu große Schuhe.
Der echte Zirkusclown war erschaffen, aus den Zirkus und seiner Struktur
heraus gewachsen.

Federico Fellini

Federico Fellini hat einige sehr schöne Gedanken über das Verhältnis von
Weißclown und August formuliert, die ich Ihnen an dieser Stelle nicht
vorenthalten möchte.

"Wenn ich Clown sage, denke ich an den August; freilich sind da die beiden
Figuren: der weiße Clown und der August. Der erste ist Eleganz, Grazie
und Intelligenz, Klarheit - alles, was sich moralisch als ideale, einziggültige
Lage, als indiskutierbare Gottheit anbietet.
Und da erscheint der negative Aspekt dieser Angelegenheit. Denn so wird
der weiße Clown zur Mama, zum Papa, dem Meister, dem Künstler, dem
Schönen, kurz, zu dem, was man tun sollte. Der August der von dieser
Perfektion fasziniert wäre, wenn sie nicht so deutlich zur Schau getragen
würde, der revoltiert. Er sieht, daß der Flitter leuchtet, doch macht die
Aufgeblasenheit, mit der er sich darstellt, den weißen Clown unerreichbar.
August ist das Kind, das unter sich kackt, er rebelliert gegen diese
Perfektion, besäuft sich, wälzt sich auf dem Boden und belebt daher den
ständigen Widerspruch. Es ist der Kampf zwischen dem stolzen Kult der
Vernunft, der zum anmaßenden Kult des Ästhetizismus wird, und dem
Instinkt, der Freiheit des Triebes.

Der weiße Clown und der August - es sind Lehrerin und Kind, Mutter und
Lausbub, man könnte auch sagen: der Engel mit dem feurigen Schwert und
der Sünder.
Es sind die beiden Haltungen des Menschen, der Drang nach oben und der
Drang nach unten, getrennt, geschieden.
Der Film (Die Clowns) endet so: die beiden Gestalten kommen einander
entgegen und gehen miteinander von dannen. Warum rührt diese Situation?
Weil diese beiden Gestalten einen Mythos verkörpern, den wir alle in uns
tragen. Versöhnung der Gegensätze, die Einheit des Seins.
Was im steten Krieg zwischen dem weißen Clown und dem August
schmerzt, hat nichts mit der Musik und dergleichen zu tun, es ist unsere
Unfähigkeit, die beiden zu versöhnen. Denn je mehr du den August nötigen
willst, diese Geige zu spielen, desto schrillere Trompetentöne läßt er hören.
Auch verlangt der weiße Clown. daß der August elegant sei. Der wird aber
umso verlumpter, unbeholfener, staubbedeckter, je autoritärer das Gegenteil
verlangt wird.
Er ist das vollkommene Sinnbild einer Erziehung, die das Leben
idealisierend und abstrakt anbietet. Doch sagt Lao Tse: wenn du dir einen
Gedanken machst (der weiße Clown), so lache darüber (der August). So ist
der weiße Clown der Bourgeois, auch weil er mit seiner Persönlichkeit so
erscheinen will, daß er Eindruck macht. Schon im Anblick ist er wunderbar,
reich, mächtig, das Antlitzweiß, gespenstisch, der Mund durch einzigen
Strich gezeichnet, hart, unsympathisch, abweisend, kalt. Die weißen Clowns
wetteifern stets, wer das prunkvollste Gewand trägt (Krieg der Kostüme).
Berühmt war Theodor, der für jeden Tag des Jahres ein anderes Kostüm
besaß. Der August ist im Gegenteil auf einen einzigen Typus fixiert, der sich
weder wandelt noch Kostüme wechselt.
Die bürgerliche Familie ist eine Versammlung von weißen Clowns, worin
das Kind in die Lage des August gedrängt ist. Die Mutter sagt: »Tu dies
nicht, tu jenes nicht.« Wenn man die Nachbarn einlädt und das Kind ein
Gedicht aufsagen muß (»zeig den Herrschaften, was du kannst«), dann hat
man eine typische Zirkussituation."

Soweit Federico Fellini. Wichtig für das richtige Verständnis dieser Zirkusclowns
erscheint mir die Unterscheidung zwischen Theater und Zirkus.
Während im Theater alles nur Theater ist, gibt es im Zirkus echte Gefahr. Dem
Zuschauer stockte der Atem, deshalb gab es als Ausgleich die Clowns zum
ausatmen und entspannen.

Dies war schon immer eine wichtige Funktion der Clowns. Ohne autonomen
künstlerischen Anspruch mußte der Clown seine Aufgabe erfüllen, und so wurde
er auch nicht nach Metier sondern nach Funktion eingeteilt:
- Teppich - oder Massenclowns (in der Anfangszeit am Häufigsten)
- Reprisenclowns (mit Sprechstallmeister als Stichwortgeber )
- Entréeclowns (abgeschlossene Nummern)
- Exzentrikclowns (Stars mit eigenen Nummern und Programmen ohne Bezug
zum Zirkusprogramm)
Nach der Jahrhundertwende nahm die Zahl der Zirkusse in Europa stark zu.
Gefragt waren weniger Massennummern dafür mehr Einzelnummern,
spezialisiert mit Höchstleistungen.
Nach dem ersten Weltkrieg gab es außer Zirkus Krone / München nur noch
fahrende Zirkusse.
Dort hat sich der Clown im Laufe der Zeit zu einer eigenständigen Figur
entwickelt.

Rivel, Grock, Popov, ...

Ganz berühmt war Grock (Adrian Wettach 1880 - 1959) dessen Nummer mit
Stuhl und Geige noch heute als "nit möööööglich" in Erinnerung ist.
"Akrobat schööön" Charlie Rivel (1896 - 1987) und die berühmten Fratellini
(ca. 1877 - 1961) standen Grock in nichts nach.
Oleg Popov (geb. 1930) wurde wie Tom Belling durch Zufall zum Clown. Sein
Stern begann zu leuchten, als er den Pausenclown vertreten mußte.
Ich selbst hatte die Ehre und das Vergnügen, ihn mehrmals live zu sehen und
war von seiner Ausstrahlung tief beeindruckt.
Viele große Clowns und Clowninnen kann man heute in Theatern und auf
Bühnen bewundern. Es gibt viele, die man einfach gesehen haben muß: Dimitri,
Gardi Hutter, Avner Eisenberg, Peter Shup, Eric Boo, und Antoschka.

Von Stefan Schlenker: Clownerie und Kleinkunst


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